Frühjahrsforum 2026
12.-13.05.2026 | Vantaa | Circular Competitiveness: Wege zu nachhaltiger Ressourcen-Unabhängigkeit
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Das sagt der Circular-Experte Kai Schwehm vom WWF Deutschland. Kreislaufwirtschaft könnte ein wichtiger Baustein werden, um unsere vielfältigen Herausforderungen anzugehen, um nachhaltiger zu wirtschaften und wertvolle Rohmaterialien aus Nebenströmen zu nutzen. Wir haben mit ihm zu diesen Fragen gesprochen.
Die Bundesregierung hat Ende 2024 ihre Nationale Kreislaufstrategie veröffentlicht, Finnland hatte das bereits 2016 getan. Doch auf eine Strategie muss auch die Umsetzung folgen. Wo steht das Konzept aktuell?
Mit den nationalen Kreislaufstrategien in Finnland und nun auch in Deutschland liegen erstmals klare politische Rahmen vor, in denen Kreislaufwirtschaft explizit als künftiges Leitbild der Wirtschafts- und Industriepolitik verankert ist. Der heute bei rund 16 Tonnen pro Kopf und Jahr liegende Rohstoffverbrauch wird gezielt adressiert, in Richtung eines vom WWF definierten umweltverträglichen Korridors von ca. 6 – 8 Tonnen pro Kopf und Jahr. Für Unternehmen erzeugen diese Leitlinien eine Orientierung, sodass Circular Economy mittlerweile in vielen Bereichen auf Vorstandsagenden steht und in Strategiedebatten fest verankert ist. In großen Unternehmen entstehen dedizierte Rollen und Teams für zirkuläre Ansätze, parallel entwickelt sich eine dynamische Startup-Landschaft, die neue Geschäftsmodelle und Infrastruktur für Kreisläufe aufbaut.
Kreislaufwirtschaft entwickelt sich zunehmend über Abfallmanagement und Recycling hinaus. Höherwertige Strategien rücken in den Vordergrund: die grundlegende Neuausrichtung von Geschäftsmodellen, Pay-per-Use- und Sharing-Modelle, Reparaturservices zur Verlängerung der Produktlebensdauer oder die Wiederaufbereitung gebrauchter Produkte durch Remanufacturing. Diese Ansätze eröffnen zusätzliche Umsatz- und Differenzierungspotenziale und leisten gleichzeitig einen substantiellen Beitrag zur Reduktion von Ressourcenverbrauch und Umweltbelastung.
Allerdings ist die Lücke zwischen Konzept und Umsetzung noch erheblich. Ob zirkuläre Modelle skaliert werden, hängt heute stark vom Produkt und vom jeweiligen Geschäftsmodell ab. Viele Ansätze bleiben im Pilotstatus und scheitern an der Skalierung: Das etablierte lineare Geschäft scheint vermeintlich rentabler. Zusätzliche Kosten für Rücknahmesysteme, Partnerschaften oder neue Prozesse werden in der Bewertung voll eingepreist, während ökonomische und ökologische Chancen, wie externalisierte Produktkosten, langfristige Risikoreduktion und die absehbare Veränderung von Rahmenbedingungen – Infrastruktur, Technologien, Regulierung – zu wenig berücksichtigt werden.
Welche konkreten Entwicklungen aus der Wirtschaft verdienen mehr Aufmerksamkeit?
Erfolgreiche Unternehmen antizipieren die Zukunft, entwickeln Szenarien und leiten daraus kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen ab, um die zirkuläre Transformation im eigenen Geschäft und im gesamten Ökosystem voranzutreiben. Zahlreiche Geschäftsmodelle zeigen bereits heute, wie das funktionieren kann.
Ein prägnantes Beispiel ist das Hilti Fleet Management. Anstatt Maschinen und Werkzeuge einmalig zu verkaufen, bietet Hilti sie als nutzungsbasierten Service im Bundle an. Kunden erhalten immer die passende, technisch aktuelle Ausstattung auf der Baustelle, können Nutzungsspitzen flexibel abfedern und wandeln hohe Investitionskosten in planbare laufende Kosten um.
Hilti bleibt Eigentümer der Geräte – und damit auch der Materialien. Das schafft starke Anreize für hohe Qualität, Wartungsfreundlichkeit und Reparaturfähigkeit, denn die Wirtschaftlichkeit hängt von einer langen Nutzungsdauer und hoher Auslastung ab. Am Ende der ersten Nutzungsphase können Geräte wiederaufbereitet, weitervermietet oder sortenrein recycelt werden. So entsteht ein Modell, das wirtschaftliche Effizienz mit ressourcenschonender Kreislaufnutzung verbindet.
Wo sehen Sie Potenziale für die Zukunft?
Das Potenzial der Kreislaufwirtschaft entfaltet sich dann, wenn Politik, Industrie und Gesellschaft ihr Handeln konsequent an zirkulären Prinzipien ausrichten. Das beginnt bei der Gestaltung zirkulärer Ökosysteme inklusive der dafür notwendigen Technologie, Infrastruktur und Prozesse. Zusätzlich braucht es branchenübergreifend tragfähige Lösungen, die Produkt- und Materialdaten erfassen, wie etwa beim Digital Product Passports. Auf dieser Datengrundlage können Unternehmen die tatsächliche Nachhaltigkeitsleistung ihrer Produkte bewerten und standardisiert kommunizieren.
Zur Realisierung dieser Potenziale braucht es klare politische Leitplanken und gezielte Investitionen – etwa über Programme wie die Hightech-Agenda Deutschland und Mittel aus Sondervermögen des Bundes, insbesondere dem Klima- und Transformationsfonds.
Genauso wichtig ist eine gesellschaftliche Bewegung hin zu zirkularem Verhalten: die Akzeptanz von Mehrwegsystemen und die konsequente Rückgabe gebrauchter Produkte am Ende ihrer Nutzungsphase – über niedrigschwellige Anlaufstellen wie beispielsweise Paketshops, Filialnetze oder die Abholung direkt an der Haustür. So finden Materialien und Funktionswerte zurück in industrielle Kreisläufe, statt als Abfall verloren zu gehen.
Kai Schwehm berät Unternehmen auf dem Weg zur Transformation zu zirkulären, nachhaltigen Geschäftsmodellen und -strategien. Zuvor hat er an komplexen, internationalen Projekten im Bereich Circular Economy & Zero Impact Factory in der Managementberatung u.a bei Porsche Consulting mitgearbeitet.
12.-13.05.2026 | Vantaa | Circular Competitiveness: Wege zu nachhaltiger Ressourcen-Unabhängigkeit
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