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„Cyber-Sicherheit braucht Bündnisse – national und international“ – so stärken wir digitale Resilienz

Digitale Resilienz bei Unternehmen und Organisationen bekommt mehr und mehr Bedeutung. Nun kommen Digitalisierungsexperten aus den nordischen Ländern zum Austausch nach Deutschland. Am 19.11.2026 diskutieren sie gemeinsam mit deutschen Unternehmen und Behörden bei „Nordics Go Germany“ in Frankfurt/Main die nordischen Ansätze, um Gesellschaft und Wirtschaft wirksam zu schützen.

A rendering: A man with glasses and a full beard in front of a visual of an event.
© AHK Finnland

Wir haben im Vorfeld der Veranstaltung mit dem Cyber-Experten Kevin Wennemuth von Gofore GmbH, einer Tochtergesellschaft der finnischen Digitalschmiede, dazu gesprochen, was Deutschland von den Nordischen Ländern lernen kann.

Kevin, vor kurzem sprachst Du auf einem Panel davon, wie stark Cyberattacken zugenommen haben. Wie müssen sich Unternehmen und Behörden heutzutage absichern, um Cyberangriffen standzuhalten?

Kevin Wennemuth: Wir müssen erstmal anfangen, das Problem zu verstehen. Stellen wir einfach mal zwei Kennzahlen gegenüber: In Deutschland arbeiten derzeit in den meisten Unternehmen weniger als 1 % der Gesamtbelegschaft an Cybersecurity-Themen. Die Steigerungsrate von Cybervorfällen mit tatsächlichen Auswirkungen, also Schäden, steigt jedes Jahr um 15-20%. Hier stimmt etwas nicht.

Wir sehen hier vor allem ein Führungsproblem. Die Risiken werden nicht verstanden. Auch die notwendigen Maßnahmen werden nicht richtig gedacht. Wie oft hat niemand im Unternehmen den Notfallplan der Cybersecurity auch nur gelesen. Oder zumindest fast niemand. Niemand liest einfach mal so 600 Seiten oder verinnerlicht diese. Das ist überbordende Komplexität durch dokumentengenerierende IT-Governance.

Zudem haben wir ein Kompetenzproblem in Deutschland, zu wenige Menschen, die wirklich Cybersecurity leben. Kaum ein Unternehmen simuliert Angriffe auf sich selbst. Wenige machen einmal im Jahr den Pflicht-Penetrationstest. Empfehlung ist aber: Jeden Tag. Ohne Ankündigung. Und dann der Realität ins Auge sehen und handeln.

Welchen Einfluss hat KI auf die Cyberbedrohung?

K.W.: KI beschleunigt das leider massiv in beide Richtungen: Während man 2020 noch mehrere Tage Zeit zum Aktualisieren einer Software oder Services mit einer Schwachstelle hatte, bewegen wir uns derzeit unterhalb von 24 Stunden. Ich kenne keine IT-Abteilung, die diese Zeitfenster auch nur annähernd konsistent einhalten kann. KI-basierte Einbrüche nehmen zu und die schnellsten sind im Bereich von wenigen Minuten und vollautomatisiert. Auch die Erpressung ist automatisiert. Für die einen bedeutet KI mit ChatGPT den Urlaub zu planen – während andere bei Cybersecurity in KI-generierten Angriffen untergehen. Cloud-Infrastrukturen werden z.B. im Schnitt alle 35 Sekunden angegriffen! Durchgängig, ohne Pause, das macht mehrere tausend Male pro Tag.

Was unterscheidet Deutschland und die nordischen Länder bei ihrer Herangehensweise an Cyber-Resilienz? Was kann Deutschland von den Nordics lernen?

K.W.: Vertrauen und Kompetenz. Das klingt hart für Deutschland, aber es braucht eine Facing Reality-Situation. Meiner Meinung nach beschönigt die Politik in Deutschland derzeit Dinge zu sehr, die wir stattdessen dringend angehen müssten. Der bestehende Schutz von kritischen Einrichtungen ist zum Teil auf lächerlichem Niveau. Manche Cybersecurity in Unternehmen entspricht dem Stand der 80er Jahre. Wenn Unternehmen nicht durch äußere Ereignisse dazu gezwungen werden, Cybersecurity zu etablieren, würde es nicht passieren. In Deutschland herrscht zudem ein bedrohlicher Fachkräftemangel. In den nächsten 5-10 Jahren werden uns allein im Cyberbereich 120.000 Experten fehlen. Da ist ein großes Umdenken nötig, auch in der Politik und z.B. im Bildungsbereich.

Die Probleme, denen wir gegenüberstehen, lassen sich nicht allein lösen. Hierzu braucht es Bündnisse – national, wie auch international. Das haben vor allem die finnischen Kollegen verinnerlicht. Sie bilden Bündnisse aus privater und öffentlicher Hand. Sie haben vor Jahren schon ihre Bildungssysteme gestärkt, resilient und vor allem einladend gemacht. Eine Gemeinschaft von Werten und Verantwortung, nicht von Lobbyisten und Geld.

Du arbeitest für Gofore in Deutschland, der deutschen Tochtergesellschaft einer finnischen Digitalschmiede. Wo ergänzen sich deutsches und finnisches Know-how Eurer Meinung nach?

K.W.: Pragmatismus und Effektivität sind die Eigenschaften, die deutsche und finnische Arbeitsweisen am besten miteinander verbinden. Ich schätze es sehr, gemeinsam mit den Kolleg:innen aus dem hohen Norden zu arbeiten. Dabei erleben wir eine besondere Mischung aus lösungsorientiertem Pragmatismus, hoher fachlicher Kompetenz und dem typisch finnischen Humor. Beide Kulturen sind selbst in anspruchsvollen Situationen sehr gelassen. Ob wir über Finanzsysteme, kritische Infrastrukturen oder den Defense-Bereich sprechen: Internationale Teams bringen unterschiedliche Perspektiven zusammen und schaffen dadurch bessere Ergebnisse. Die Zusammenarbeit macht schlicht mehr Spaß.

Uns verbindet weit mehr als organisatorische Strukturen im Unternehmen, nämlich Vertrauen, Verantwortung und der Wunsch, nachhaltige Lösungen zu schaffen. Und der beste Lerneffekt ist: Voneinander. Das ist wertvoll und motiviert!

 

Über unseren Interviewpartner

Kevin Wennemuth ist Head of Cyber bei Gofore DACH und anerkannter Experte für Cybersicherheit. Seine fundierte praktische Expertise in den Bereichen IT, OT und physische Sicherheit nutzt er in strategischer Beratung und Krisenmanagement von Unternehmen. Seit mehr als 15 Jahren gibt er sein Wissen auf internationalen Konferenzen, in Expertenrunden und durch Fachpublikationen weiter. Am 19.11.2026 nimmt er als Sprecher zum Thema „Schutz kritischer digitaler Infrastrukturen vor Cyberangriffen“ im Programm von „Nordics Go Germany – Digital Resilience“ in Frankfurt/Main teil.

 

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