Vier von zehn Unternehmen in Deutschland (39,7 Prozent) führen aktuell europäische Software ein. In den Nordics sind es 35,5 %, die aktuell eine Umstellung ihrer Software auf ein europäisches Produkt planen. Dies sind nur einige Ergebnisse einer Online-Umfrage des Münchner Cybersicherheitsanbieters Myra unter insgesamt rund 1.800 IT-Entscheidern in Deutschland, Frankreich und vier nordischen Ländern. Für die Studie wurden im Frühjahr 2026 in Deutschland 1.007 IT-Entscheider online befragt, 504 in Frankreich sowie 307 in Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden.
Wie stehen deutsche IT-Entscheider zur Einführung europäischer Digitalprodukte?
Bereits 2025 antworteten 20,4 % der deutschen IT-Entscheider, aktiv an der Einführung europäischer Software zu arbeiten. 2026 sind es nun mit 39,7 % bereits fast doppelt so viele, die planen, eine oder mehrere europäische Software-Lösungen einzuführen.
Der Mentalitätswandel zeigt sich umso deutlicher, wenn man auf die Ablehnung europäischer IT-Alternativen schaut: Der Anteil der Unternehmen, die einen Wechsel klar ablehnen, brach von 47,7 % (2025) auf 4,6 % (2026) ein.
Der Großteil der deutschen IT-Entscheider hat sich 2026 eine Meinung gebildet. Während 2025 noch jeder sechste deutsche IT-Entscheider unentschlossen antwortet, ob man eine europäische Software einführen werde, sind es 2026 nur noch rund 4 %, die mit „Weiß nicht“ antworten.
Wie stehen IT-Entscheider aus Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden zur Einführung europäischer Digitalprodukte?
„Mehr als zwei Drittel der nordischen Entscheider (68,4 Prozent) sind der Meinung, dass Europa „in den meisten Bereichen“ digital souverän werden kann“, so lautet das Urteil der Studie. Dagegen sind IT-Führungskräfte aus Deutschland und Frankreich etwas vorsichtiger und teilen diesen Optimismus nur in einzelnen Bereichen.
49,5 % der nordischen IT-Entscheider halten eine weitgehende digitale Unabhängigkeit bis 2035 für realistisch, so die Studie. Weitere 15 % trauen Europa sogar eine vollständige Unabhängigkeit zu. In Summe gehen 64,5 % der nordischen IT-Entscheider von einer digitalen Souveränität Europas innerhalb von zehn Jahren aus.
Die Studie erklärt diesen hohen Anteil an digitalem Vertrauen so: „Die Nordics haben digitale Transformation früher und tiefer erlebt als die meisten anderen europäischen Regionen. Wer einmal gesehen hat, wie schnell eine Gesellschaft ihre digitale Infrastruktur umbauen kann, glaubt eher daran, dass es wieder gelingt.“
Diese Analyse deckt sich voll und ganz mit den Erfahrungen aus unserer AHK-Arbeit.
Welche Hindernisse sehen deutsche und nordische Unternehmen bei der Einführung europäischer IT-Alternativen?
Als größte Wechselhürden nennen IT-Entscheider laut Studie regionenübergreifend hohe Migrationskosten, fehlende Informationen über europäische Alternativen und technische Zweifel.
Bei Antwortenden aus den Nordics überwiegen die Sorgen über fehlende Informationen darüber, was der europäische IT-Markt hergibt, und Sorgen vor hohen Migrationskosten. Unzureichende technische Leistung befürchtet nur jedes vierte (24,4 %).
Rund jeder dritte deutsche IT-Entscheider sieht alle drei Punkte in etwa gleich bedenklich.
Hohe Migrationskosten befürchten:
- 34,6 % der deutschen IT-Entscheider
- 39,7 % der nordischen IT-Entscheider
Fehlende Informationen über europäische Alternativen beklagen:
- 33,5 % der deutschen Antwortenden
- 42,0 % der nordischen Antwortenden
Unzureichende technische Leistung befürchten:
- 31,0 % in Deutschland
- 24,4 % in den Nordics.
Überhaupt keine Hürden bei der Einführung sehen:
- 5,7 % in Deutschland
- und 5,9 % in den Nordics.
Wenn die Einführung europäischer Digitalprodukte auch für viele bereits geboten ist, sehen die IT-Entscheider doch auch die Risiken. Insgesamt bewerten 3 von 4 IT-Entscheidern in Deutschland und den Nordics diesen Schritte es hohes oder zumindest geringes Risiko.
Wie stehen Deutschland, Frankreich und die Nordics zu europäischen IT-Lösungen für kritische und staatliche Infrastruktur?
Grundsätzlich zeigen alle drei untersuchten Regionen ein sehr hohes Maß an Unterstützung für europäische Digitalprodukte in Staat und kritischen Infrastrukturen. Frankreich liegt mit 93,6 % an der Spitze, gefolgt von den nordischen Ländern (88,9 %) und Deutschland (87,5 %). Im Schnitt fordern 90 % der befragten IT-Entscheider europäische Digitalprodukte für Staat und Betreiber kritischer Infrastrukturen. Gegenüber der Befragung 2025 ist die Zustimmung in Deutschland damit von 84,4 % weiter gestiegen. Die IT-Entscheider der anderen Regionen wurden 2026 zum ersten Mal für die Studie befragt.
Welche Entwicklung nimmt die digitale Souveränität in Europa bis 2035?
Wie realistisch eine digitale Unabhängigkeit bis zum Jahr 2035 ist, wurden die IT-Entscheider gefragt. Dabei überwiegen positive Zukunftsszenarien deutlich:
Weitgehende digitale Unabhängigkeit bis 2035 sehen:
- 39,6 % der Deutschen
- 49,5 % der nordischen Antwortenden.
Eine Unabhängigkeit zumindest in wichtigen Bereichen bis 2035 sehen:
- 30,9 % der deutschen IT-Entscheider
- 28,3 % der nordischen IT-Entscheider
Eine vollständige digitale Unabhängigkeit bis 2035 halten je 15 % in beiden Regionen für möglich.
Warum braucht es digitale Souveränität in Europa?
Die Myra-Studie listet auch einige Hintergründe auf, die das Thema digitale Souveränität auf die Agenda europäischer Unternehmen brachten.
Unter anderem war Mitte 2025 durch Microsoft France bekannt geworden, dass das Unternehmen im Falle einer rechtlich korrekt formulierten US-Behördenanfrage zur Datenherausgabe verpflichtet sei – unabhängig vom Speicherort. Dahinter stand der US-amerikanische CLOUD Act, der US-Anbieter verpflichtet, unter bestimmten Bedingungen auch in der EU gespeicherte Daten an US-Behörden herauszugeben. Eine Garantie zum Schutz europäischer Nutzerdaten, die in Europa gespeichert wurden, gab es dadurch nicht mehr.
„Die zentrale Erkenntnis lautet: Datenhoheit hängt nicht vom Serverstandort ab, sondern von der Anbieterstruktur, dem Rechtsraum und der operativen Kontrolle“, so die Studienautoren.
Nach Bekanntwerden des Cloud Acts hat folgender Anteil der IT-Entscheider einen Anbieterwechsel geplant:
- 32,4 % in Deutschland
- 28,7 % in den Nordics
Wo finden deutsche Unternehmen Unterstützung bei der Umstellung auf europäische Digitalanbieter?
Die Studie stellt heraus, dass sich die Kompetenzen in Europa im IT-Bereich sehr gut ergänzen. „Deutschland bringt Hardware-Kompetenz und industrielle Tiefe. Frankreich bringt KI-Ambitionen und strategischen Gestaltungswillen. Die Nordics bringen Cloud Erfahrung, Cybersicherheitskultur und pragmatische Umsetzungsfähigkeit.“ Europa solle diese komplementären Stärken zusammenführen, um eine europäische IT-Architektur zu schaffen.
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